Interview mit Michael Hoppe, Initiator der Plattform kommune.digital

Als Fachmann für die Digitalisierung der Kommunen kennen Sie sich gut mit den digitalen Bedürfnissen von Städten und Gemeinden aus. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Gründe für eine digitale Strategie?

Wie wir leben, arbeiten, uns bilden und unsere Freizeit verbringen, wird immer mehr vom Internet und sozialen Netzwerken bestimmt. Alles was digital werden kann, wird digital: Immer mehr Städte und Gemeinden sind sich bewußt, dass die Digitalisierung zentrale Politikfelder wie Bildung, Mobilität, Gesundheit, Arbeit und Sicherheit massiv verändern wird. Besonders ländliche Kommunen haben bei der Digitalisierung vor Ort und in den Regionen eine verantwortliche Entwickler-Rolle.

Michael Hoppe

Die Unternehmen und Verwaltungen in unseren 11.000 ländlichen Kommunen müssen aufeinander zugehen und konsequent den Nutzen der Bürger in den Vordergrund stellen. Dabei sind folgende Punkte zu berücksichtigen:

  • Bürger in die Entscheidungen von Beginn an und während des gesamten Transformationsprozess einbeziehen.
  • Die Digitalisierung muss, ohne Wenn und Aber, am Bedarf der Bürger und der lokalen Unternehmen ausgerichtet werden.
  • Vorhandene Infrastrukturen und Lösungen unbedingt einbinden.
  • Zukunftsorientiert vorgehen und eine gut vorbereitete bzw. durchdachte Mehrjahresplanung etablieren.
  • Global denken, lokal handeln!
  • Die Digitalisierung so gestalten, dass sich die wichtigsten Bereiche der Kommune – Verwaltung, Wirtschaft, Bildung, Gesundheit, Energie, Mobilität – jederzeit untereinander synchronisieren.
  • Agil vorgehen und Fehler zulassen.
  • Einen Steuerungskreis, bestehend aus Vertretern aller Bereiche einer Kommune, installieren.
  • Digitalisierungsprofis mit einbinden.

In unserer Umfrage Digitale Strategie für Kommunen haben wir gesehen, dass die meisten Kommunen bereits über eine Website und eine Facebook-Seite verfügen. Eine eigene Smartphone-App und der Einsatz von Geo-Diensten sind die Bereiche, die sich die meisten Kommunen vornehmen. Welche Bausteine finden Sie am wichtigsten für eine digitale Strategie?

Eine Seite der Medaille sind natürlich die Anwendungen, die andere die dafür notwendigen Infrastrukturen. Beim Breitbandausbau muss mehr geschehen, damit auch jeder Bürger die Chance hat, Social Media Kanäle und eine Smartphone-App sowie Geo-Dienste zu nutzen. Das Ziel der Bundesregierung, bis 2025 überall Verbindungen von 50 MBit/s zu gewährleisten, reicht nicht aus. Wir sind global längst auf dem Weg in eine Giga-Bit-Gesellschaft. Laut FTTH werden bis 2019 nur drei Prozent der deutschen Haushalte einen Glasfaseranschluss nutzen können. Der Ausbau der Netze muss schneller werden, denn Breitband ist Teil der modernen Daseinsvorsorge. Im Rahmen des Ausbaus müssen sich die Kommunen und deren  Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Einwohnern parallel dringend mit den richtigen Anwendungen auseinandersetzen. Und zwar sofort! Nicht erst wenn es zu spät ist.

Wie sollte eine kommunale Smartphone-App aufgebaut sein?

Eine Kommune ist in sich ein komplexes Gebilde bestehend aus vielen Puzzlesteinen. Eine App wie ich sie mir vorstelle gibt es bis heute nicht. Aber wenn es nach mir ginge bestünde diese App aus folgenden Modulen:

  • Modul 1: Ich der Bürger – Diese Modul beinhaltet meine Daten, wie ich mich als Bürger in der Kommune sehe, was interessiert mich und welche Leistungen möchte ich gerne einbringen.
  • Modul 2: Wie entwickelt sich meine Gemeinde? Wer sind die politischen Macher? Was beschließt der Gemeinderat? Wie ist die Ortsentwicklung? Was denken und interessiert meine Nachbarn? Quasi alle Bürgerfragen. Gibt es Bürgerinitiativen usw. Was machen unsere Sportvereine und wie ist deren Angebot? Welche Umfragen werden gerade gemacht?
  • Modul 3: Was macht unsere lokale Wirtschaft? Ein lokales Webkaufhaus präsentiert die Angebote des lokalen Einzelhandels, der Handwerker und sonstigen kommunalen Servicebetriebe. Gibt es tägliche Angebote, Gutscheine und Sonderaktionen?
  • Modul 4: Welche kulturellen Angebote gibt es? Aktuelle Nachrichten und Events von allen Schulen, VHS, Bürgerhaus, Bibliothek usw. Was ist das laufende Bildungsangebot für Jung und Alt?
  • Modul 5: Welche ehrenamtlichen und sozialen Aktivitäten sind gewünscht? Wie kann ich mich als Bürger sinnvoll einbringen? Wer sind überhaupt die aktiven Ehrenamtlichen in meiner Gemeinde?
  • Modul 6: Nachhaltigkeit. Was tun wir in unserer Kommune, um die Bürger zu nachhaltiger Lebensweise zu animieren? Konzepte, Ideen usw.. Wie belohnen wir nachhaltiges Handeln in unserer Kommune?
  • Modul 7: Digitales Rathaus & Onlineformulare

Damit haben die Kommunen erst einmal einiges zu tun.

Laut Umfrage haben 53 Prozent der befragten Kommunen einen Ansprechpartner oder Arbeitskreis für die Digitalisierung. Welche Erfahrungen haben Sie bisher in den Kommunen gemacht?

Es mag gut sein, dass 53 Prozent bereits einen Ansprechpartner haben. Was aus meiner Sicht aber fast allen Kommunen fehlt, ist ein Kompass bzw. ein Leitbild welches als Vorlage dient, um die Digitalisierung strukturiert und vor allem strategisch voranzutreiben. Digitalisierung muß ganzheitlich gelebt und umgesetzt werden. Jede Kommune braucht eine digitale Agenda. Sie muss Teil ihres Leitbildes sein. Gleichzeitig wird es immer Rathäuser geben und das ist auch gut so: Die Menschen brauchen eine Klammer, die das Zusammenleben in einer Gemeinschaft – und das sind nun mal Dörfer, Gemeinden und Städte – sichtbar macht. Aber fast alle administrativen Aufgaben einer Verwaltung lassen sich künftig per E-Government digitalisieren. Auch in dem Bereich ist Deutschland immer noch ein Entwicklungsland. Die gesellschaftliche Teilhabe muss auf jeden Fall sichergestellt sein. Es wird immer Menschen geben, die nicht über eigene digitale Möglichkeiten verfügen. Für sie muss es insbesondere in den Dörfern Anlaufstellen geben, von denen aus sie mit der Verwaltung virtuell kommunizieren können.

Wie schätzen Sie die Bereitschaft der interkommunalen Zusammenarbeit bei den Kommunen ein? Gibt es hier Möglichkeiten, die Digitalisierung in besonderer Weise voranzutreiben?

Die interkommunale Zusammenarbeit wird im Rahmen der Digitalisierung immer wichtiger. Kommunen müssen voneinander lernen. Besonders im Bereich der Software müssen viele Anwendungen und Prozesse nicht mehrfach erfunden werden. Deswegen haben wir die Plattform Kommune.Digital ins Leben gerufen. Dort können Anbieter wie Werkdigital ihre Produkte, Dienstleistungen, bereits umgesetzte Lösungen uvm. präsentieren und den Kommunen anbieten.

Und zuletzt die Frage: Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe, warum Kommunen eine digitale Strategie entwickeln und umsetzen sollten und wo sehen Sie hier die Prioritäten?

Wie schon eingangs erwähnt, die Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Für Unternehmen ergeben sich neue Geschäftsmodelle und Behörden können ihre Aufgaben nachhaltiger, Ressourcen schonender und effektiver erfüllen und damit den Standort attraktiver machen. Digitalisierung ist ein Instrument zu mehr Vernetzung, Kooperation und Kollaboration – mit unendlichen Potenzialen, die unsere kommunale Gesellschaft am Ende dauerhaft stabilisiert. Muß ich Ihnen noch mehr Gründe nennen? Wenn es um Prioritäten geht, dann würde ich sagen, erst mit den Bürgern offen über die Digitalisierung sprechen und gemeinsam Konzepte entwickeln. Daraus entwickelt sich automatisch eine Prioritätenliste.

Vielen Dank, Herr Hoppe – für Ihre Zeit und die interessanten Antworten.

Die Umfrage Digitale Strategie für Kommunen wurde im März 2018 veröffentlicht. 

Fotos: Martin Sattler, Michael Hoppe.

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