Gesprächsrunde

Von Landflucht zu Landlust? – Digitalisierung als Chance für den ländlichen Raum

Gesprächsrunde beim Symposium (v.l.): Prof. Dr. Schröteler-von Brandt (Universität Siegen), Christoph Meineke (Bürgermeister Wennigsen), Silvia Heinz (Südwestfalen Agentur), Dr. Stephanie Arens (Südwestfalen Agentur), Prof. Kerstin Gothe (Universität KIT Karlsruhe) (Fotograf: Alexander Kiß)

In Südwestfalen gibt es mehr als 900 Dörfer, die viel Potential in sich bergen, wenn es darum geht, Digitalisierungsprojekte umzusetzen. In den letzten Jahren wurde überwiegend von Landflucht gesprochen und es wurden zentrale Problem- und Handlungsfelder definiert: Demografischer Wandel, Arbeitsplatz-Mangel, Mobilität, fehlende Infrastruktur, Rückgang der tragenden Akteure, schwindendes Selbsthilfepotenzial.

Doch laut Zukunftsforschern wie Matthias Horx zeichnet sich momentan die Renaissance des ländlichen Raumes ab, er spricht von progressiver Provinz, von Landlust, von Kirchtürmen und Netzwerken. Ein weiterer Trend, der sich abzeichnet, ist die Plattformökonomie. Plattformen sind seit einiger Zeit das beherrschende Geschäftsmodell (Google, facebook).

Wie kann man diese beiden Trends zusammenbringen? Welche Chancen bietet die Digitalisierung für den ländlichen Raum?

Das war das zentrale Thema des sehr spannenden Symposiums „Neue Wege braucht das Land. Digitalisierung als Chance für den ländlichen Raum“, das am 28.6. und 29.6.2018 in der Uni Siegen stattgefunden hat. Das Lehrgebiet Stadtplanung und Planungsgeschichte veranstaltete im Rahmen des akademischen Abschieds von Frau Prof. Dr. Hilde Schröteler-von Brandt ein Fachsymposium zum Forschungsfeld Ländliche Entwicklung.

Hier wurden die Chancen für die zukünftige Dorfentwicklung durch die Digitalisierung in den Mittelpunkt gestellt. Verschiedene Handlungsfelder wie Kommunikation und Vernetzung der Dorfgemeinschaft, Mobilität, Versorgung, Co-Working etc. wurden thematisiert.

 

Welche Maßnahmen sind es konkret?

Sind es neue Plattformen für die Partizipation der Bürger, die die Digitalisierung auf dem Land ankommen lassen? Hierzu hatte Christoph Meineke, Bürgermeister der Gemeinde Wennigsen einige interessante Beispiele. Er erzählte von dem Projekt „Das Klimaversprechen“, das er in seiner Gemeinde umgesetzt hat: „Ziel war es, dass innerhalb eines Jahres bis zu 400 Bürgerinnen und Bürger, aber auch Unternehmen, Vereine und die Verwaltungen den CO2-Ausstoß in ihrem eigenen Wirkungsbereich senken – zum Beispiel beim Heizen, Einkaufen, bei der Ernährung oder der Mobilität. Unterstützt wurden wir dabei von der Klimaschutzagentur und dem ifib. Dazu wurden die CO2-Emissionen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeden zweiten Monat mit einem Online-CO2-Rechner oder einem CO2-Haushaltsbuch vom ifib erfasst, ausgewertet und dokumentiert. Mit Infoabenden, Newslettern und Online-Chats wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von der Klimaschutzagentur informiert, unterstützt und motiviert. Diese Form der digitalen Partizipation war für die Bürger in Wennigsen so interessant, weil zum einen ein Gaming-Aspekt enthalten war und zum anderen hatten sie das Gefühl, wirklich etwas Konkretes zum Klimaschutz beitragen zu können.“

Oder gelingt Digitalisierung im ländlichen Raum durch Co-Working-Arbeitsplätze, die vor allem Freiberuflern ermöglichen, nicht alleine im Home-Office, sondern mit anderen Freiberuflern in einem Büro zu arbeiten? Ebenso spielt das Thema Kommunikation & Vernetzung eine Rolle, was durch Nachbarschaftsplattformen wie nebenan.de konkretisiert wird.

 

Förderprogramme als Motor der Digitalisierung?

Bei der Veranstaltung wurden diverse Förderprogramme vorgestellt. Angefangen bei LAND.DIGITAL, das zum Bundesprogramm „Ländliche Entwicklung“ gehört über die REGIONALE 2025, ein Strukturförderprogramm, dass in Südwestfalen umgesetzt wird, bis hin zu DORFGEMEINSCHAFT 2.0, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, zu DIGITALE DÖRFER.DE, eine Plattform, die vom Fraunhofer Institut entwickelt wird und nicht zuletzt das Programm SMART COUNTRY SIDE, ein Kooperationsprojekt zwischen dem Kreis Lippe und der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung im Kreis Höxter.

„Wir haben bei dem Symposium viele neue Einblicke in digitale Projekte bekommen, die schon laufen und Förderprogramme, durch die das alles möglich gemacht wird. Digitalisierung bietet dem ländlichen Raum die Chance, sich durch bessere Kommunikationsmöglichkeiten mehr zu vernetzen, auch mit anderen Dörfern. Dorfgemeinschaften können sich dadurch erweitern, was sicherlich auch ein Grund für die Renaissance des ländlichen Raumes ist“, bilanziert Prof. Dr. Hilde Schröteler-von Brandt von der Uni Siegen.

Digitale Technik kann helfen, die Distanzen zu überwinden und neue Möglichkeiten der Vernetzung, der Kommunikation und des Austauschs schaffen. Auf Grundlage leistungsfähiger Netze mit einer hohen Datenübertragungsrate können die Ressourcen besser genutzt, die Dorfgemeinschaft gestärkt und Raum für neue Lebens- und Arbeitsmodelle geschaffen werden.

 

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